Kapitel 1

 

Der ursprüngliche Name der Gemeinde Gadderbaum ist Sandhagen. Der Name Gadderbaum erscheint zuerst 1689 im Heeper Kirchenbuch, 1698 im Neustädter Kirchenbuch (Bielefeld). Im Brackweder Kirchenbuch ist auch einmal Chatterbaum verzeichnet. Aus dieser dem hiesigen Dialekt nachgebildeten Schreibform erkennt man, wie der Name Gadderbaum aus dem Volksgebrauch entstanden ist. Der Zollbaum, die Barriere oder der Postschlagbaum zwischen Bielefeld und Brackwede in Sandhagen war für die Einwohner der Stadt der bedeutendste Punkt in der Bauerschaft Sandhagen, eben der Gitterbaum. Culemann nimmt als erster den Namen 1745 in seiner „Geographischen Beschreibung der Grafschaft Ravensberg" in die Literatur. Beiderseits der Bethelecke sind 1825 die Flurnamen „Am Gadderbaum" und „Vorm Gadderbaum" in Gebrauch. Unter Jerome gab es eine Mairie Gatterbaum. Offiziell heißt die Gemeinde erst seit 1883 Gadderbaum, als sie von Brackwede gelöst und selbständiges Amt wurde. Das heutige Gemeindewappen wurde erst in den dreißiger Jahren nach dem Namen neu entworfen.

 

Aus vielen Veröffentlichungen erfahren wir Einzelheiten aus der Geschichte einer Landschaft. Aber selten ist dieses Wissen auf einen bestimmten Zeitpunkt zusammengeschaut, ein gültiger Querschnitt nur schwer zu fassen. Es ist daher hier der Versuch unternommen, zunächst für die Jahre 1550 und 1825 gültige Kartenbilder zu entwerfen. Die Darstellung in der Karte zwingt uns zu einer sehr kritischen Sichtung des Materials und bringt alles zeitlich Zusammengehörende auf ein überschaubares und vergleichbares Nebeneinander. Sie gibt damit die Grundlage für ein umfassendes Bild einer bestimmten Epoche. Die Karten haben den Maßstab 1: 5000, in dem alle neueren Karten des Kreises im Katasteramt verfasst werden, so dass durch Vergleich ohne jede Schwierigkeit die Lokalisierung der Eintragungen der älteren Karten auf den heutigen erfolgen kann.*) *) Leider mussten in diesem Büchlein der Kostenersparnis wegen die Karten auf 1:8800 verkleinert werden.

 

Für die erste Karte von 1550 liegen die Fluren der Höfe durch das Urbar fest. Ergänzungen ergeben sich durch das Bielefelder Urkundenbuch (BUB). Da dieses Material keine kartenmäßige Darstellung bringt, so ist diese für 1550 entworfene Karte kein absolutes historisches Dokument, sondern ein Entwurf, in dem alles jetzige Wissen über die damalige Zeit kritisch zusammengetragen ist. Aus Vergleich mit dem Kataster von 1825 und seinen Flurnamen, aus Größenvergleich und wiederholten Begehungen wurde die Einzellage der beurkundeten Äcker und Ländereien erschlossen. Bei größerer Unsicherheit wurde lieber etwas ausgelassen, als daß es in die Karte aufgenommen wurde. So ist diese älteste Karte also kein Katasterplan der damaligen Zeit, aber sie wird doch der Anforderung gerecht, daß man sich an Hand dieser Karte ein verlässliches Bild der damaligen Verhältnisse machen kann. Für 1825 liegen die „Urkataster" auf den Katasterämtern vor. Eine Betrachtung der heutigen Karte (1951) soll das Ganze entwicklungsgeschichtlich abschließen. Viele Einzelangaben verdanke ich dem Chronisten von Gadderbaum, Hermann Nottebrock.

 

  1. Zur Karte „Sandhagen um 1550".

 

Als älteste Grundherrschaften unserer Gegend werden genannt: Abtei Herford (822), Marienstift Herford (1011), Abtei Schildesche (939), Kloster Marienfeld (1265), Edelherr zu Lippe (1318), Bischof von Paderborn (ab 1012), Marienstift Bielefeld (1292). Ab 12. Jhdt. werden die Grafen von Ravensberg in dieser Gegend belehnt. 1214 erhalten sie Bielefeld, 1226 den Forstbann in der Senne, 1244 die Schutzvogtei über Schildesche. Die Ravensberger teilten ihren Besitz in verschiedene Ämter. Unsere Gemeinde gehörte zum Amt Sparrenberg, das 1286 zum ersten Male erwähnt wird. Es wurde von einem Amtmann verwaltet, der seinen Sitz in Bielefeld hatte. Ab 1511 saß der Rentmeister der Grafschaft, der Burggraf, auf dem Sparrenberg. Das Amt Sparrenberg war in fünf, später zehn Vogteien geteilt. Eine dieser Vogteien war die Vogtei Brackwede, zu der das Gebiet unserer Gemeinde gehörte.

 

Unsere Bauerschaft wird als „Sandhagen" zuerst 1325 erwähnt (BUB 153). Sandhagen gehört, wie schon der Name vermuten lässt, zu den Ravensbergischen Hagendörfern, die nachweislich hochmittelalterlich sind. Die Namen der von den Ravensberger Grafen angesetzten Hagendörfer sind: Sandhagen, Steinhagen, Gellershagen, Brockhagen, Rodenhagen, Gräfinghagen, Berghagen (jetzt Ascheloh). Die Häger oder Hagenfreien standen im Vergleich zu den sonstigen Bauern in gemilderter Hörigkeit, als Gegenleistung dafür, daß sie bisher unbesiedeltes Land erschlossen, Wald rodeten und mit dem urbar gemachten Land dem Landesherrn erhöhte Einkünfte sicherten. Sie zahlten nur die Kurmede, das zweitbeste Haupt des Viehs und waren frei von Erbschaftsteuern. Vor allem aber hatten sie eine genossenschaftliche Selbstverwaltung innerhalb der niederen Feldgerichtsbarkeit, die aber seit Anfang des 16. Jhdts. eingeschränkt wurde durch die Polizeigewalt der Amtsleute und die Gesetzgebung des Landesherrn. Die Häger kamen, soweit sie Altsassen waren, mit ihren Vögten, den Hachmeistern, zusammen, um das „Häger Weistum" zu beraten. Dabei kamen die Rechte und Pflichten der Häger zur Sprache, und darum entstandene Streitfragen wurden geschlichtet. Die „ gewohnliche Stätte" dieser Beratung lag in der Nähe des heutigen Gadderbaumer Krugs auf dem Gelände des dahinterliegenden alten Gadderbaumer Friedhofs.

 

Sandhagen umfasste die Haupttäler des Osning beiderseits des Bielefelder Passes und diesen mit und umgriff südwestlich der Stadt den gesamten Rücken des Sparrenbergs. In den Längstälern reichte es aufwärts bis zu den Talwasserscheiden. Diese Grenze lässt sich aus den Urkunden und im Vergleich mit dem Kataster von 1825 erschließen. Für den im Kataster von 1825 eindeutig erkennbaren Aus­griff der Stadt nach Westen müssen für 1550 die Grenzverhältnisse als fließend angenommen werden.

 

Die Grenze der Bauerschaft verlief also etwa (nach heutigen Orten bezeichnet) vom Nebelstor zum Johannistal unter Einschluss des Johannisfriedhofs, des Botanischen Gartens und des Kleinen Kahlen Berges zum Laukshof, diesen einschließend. Von da führte sie das Tal hinauf zum Jostberg, über Blömkeberg und Galgenheide zum Lutterkolk, Gütersloher Straße, Eggetal aufwärts bis nach Salem und weiter halbwegs Waterbör, zur Habichtshöhe, Schönen Aussicht, Brands Busch, dann längs des Paderborner Wegs, über Lessingstraße, Wagnerstraße, Straße am Sparrenberg zurück zum Nebelstor.

 

Der Name Sandhagen zeigt zum anderen, daß Sandboden in weiten Teilen der Bauerschaft vorkommt. Dieser Sand ist von SW her in den Bielefelder Pass hereingeweht und von da aus auch in die Seitentäler nach Laukshof hin und das Eggetal aufwärts verbreitet. Von Bielefeld her waren diese Flächen die ersten Sandböden, 'die zur Senne hinüberleiten. Der Name Sandhagen wird also von Leuten gegeben sein, die von Norden her aus dem lehmigen Ravensberger Hügelland kamen. Den besten Boden in Sandhagen liefert der verwitternde Röt, der sich in einem Streifen am Südhang des Alten Berges findet, unterbrochen von breiter ausholenden Flächen diluvialen Lehms und Lößes. Auf diesen besseren Böden lagen vorzugsweise die ältesten Bauernhöfe, zum Teil auch auf den Juramergeln, wie wir sie auf der Südseite des Betheltales finden (Kükenshove, Ellerbrock).

 

Der Hauptwasserlauf war früher der Bohnenbach, der aus dem heutigen Betheltal kommend beim Nebelstor die Bielefelder Neustadt erreichte und von da außerhalb der Mauern der Altstadt die Straße Am Bach entlangfloß. Ihm strebten kleine Bäche aus dem Johannistal (Fußbach = Voßbach) und vom Laukshof her, vom Kantensiek und als Landwehrbach aus dem Eggetal zu. 1452 erlaubte Herzog Gerhard von Jülich-Berg den Bielefeldern, daß der nach Westen fließende Lutterbach vom Lutterkolk her angezapft und nach Norden durch die Stadt geleitet werde. Zu diesem Zwecke war nur ein etwa 500 m langer Kanal von der Talwasserscheide im Bielefelder Pass bis zum Landwehrbach hin zu graben (BUB 825). Diese Wasserentnahme aus der Lutter führte zu langen Auseinandersetzungen zwischen Bielefeld und Kloster Marienfeld, das für seine Mühlen und Fischteiche fürchtete.

 

In einer Urkunde von 1332 (BUB 179) werden zehn Teiche genannt, leider nur ihre Anzahl, „de den Sparenberge negest sint gelegen". Nicht alle Teiche konnten ihrer Lage nach ermittelt werden. In der Karte sind nur die urkundlich mit Namen erwähnten Teiche ein­getragen und solche, die sich aus Flurnamen erschließen lassen. In früheren Zeiten waren die Teiche wichtig für die Fischzucht, um die notwendige Fastenspeise zu gewinnen.

 

Im- 16. Jhdt. waren noch weiteste Teile Sandhagens von Wald eingenommen, vor allem die Kämme der Berge, der Rücken des Sparrenbergs, der Altenberg (heute Friedhofsweg), Auf der Egge, der Ebberg, Blömkeberg, Jostberg, Lauksberg und Lothberg. Aber auch in den Talungen lagen weite Forsten: Im Kantensiek, im heutigen Betheltal das Holschebruch mit 150 Morgen Eichen- und Buchenwald, dessen letzte Spuren in einzelnen Prachtbäumen unter Naturschutz stehen, im Eggetal ist nur Wald. Am Lutterkolk liegen die 20 Morgen des Lutterbuschs (Alte Forst), daneben der Füchtenbusch. Heute tragen zumeist nur noch die Bergrücken ein Waldkleid, da deren Boden nicht für den Ackerbau geeignet ist. Vom Waldbestand der Talungen haben sich die Anteile der Höfe erhalten, vor allem da, wo sie an den steileren Hängen der Sieke liegen. Damals war die Waldnutzung eine dreifache. Man unterschied zwischen Schlagholz (Bau- und Brennholz) und Mastholz, d. h. weite Teile des Waldes dienten als Viehtrift. Für die Herrschaft waren sie vor allem Jagdgebiet.

 

Auf den Höhen, die vom Osningsandstein gebildet werden, müssen wir uns den Wald zum Teil in Heide übergehend denken. Diese Ansicht lässt sich begründen mit den alten Namen für diese Sandsteinhöhen wie: Der kahle Ebberg, der Kahle Berg. Außerdem haben wir noch in diesem Jahrhundert gesehen, wie bei Nachlassen der Aufforstungstätigkeit viele dieser Bergrücken mit Heide, Wacholder, Kieferngestrüpp und Birkenanflug bewachsen waren. Heute sind bei planmäßiger Aufforstung diese Berge wieder mit richtigem Wald, meist Kiefern- und Fichtenwald, bestanden. Ebenso finden wir Heide in den ausgesprochenen Sandgebieten wie in Ellerbrocks Heide. In den Tälern gab es noch keine Wiesen in heutigem Sinne; es waren feuchte bis nasse Gründe, mit Bruchwald und Buschwerk durchsetzt (Ellerbruch). In der Nähe der Stadt bildet eine offenere und lichtere Landschaft den Anger, die Vroudenowe" = Freudenau (vergl. Goethes Faust, Osterspaziergang). In der Fachliteratur wird für diese Art Landschaft der Name Freiland vorgeschlagen.

 

Sandhagen hatte 1550 elf Höfe, die bis auf einen im Urbar dieser Zeit katastermäßig mit Land und Lasten aufgeführt sind. Sie heißen: Hadewech, heute Habichtshöhe; Hinnendal, heute Waldesruhe; Peper, heute Niedieks Hof; Cardinal, heute Enon (in früheren Urkunden wird der Hof Paffen genannt, weil er Abgaben an die Neustädter Kirche in Bielefeld zu leisten hatte; aus dem Pfaffen ist dann später gleich ein Cardinal geworden); Wulvener oder Wüllner, heute der Lindenhof; Goldener, heute der Quellenhof (der Name erklärt sich wohl daher, daß der Besitzer dieses Hofes Erheber der Abgabe des Morgenkorns war); oder Entrop od Intrup, Arafna; Brand, Brands Busch; u heute Ar a Br n heute rands sch• Kükenshove, heute Freizeitheim, damals im Eigentum der Stadt Bielefeld und deshalb nicht im Urbar aufgeführt; Ellerbroich, heute Ellerbrocks Hof; Loickhus oder Laukhues, heute Lauks Hof.

 

Die Abgaben der Bauerschaft an den Landesherrn betrugen für Sandhagen: 13 Goldgulden, 1 Mark, 6 Schilling (1 Goldg. = 18 Schill., 1 Mark = 2 Schill., 1 Schilling = 12 Pfennig), 8 Goldgulden Kuhgeld, 7 Schuldschweine, 6 Scheffel Gerste, 18 Scheffel Hafer, 48 Hühner, 140 Eier, 60 Pfennig Hofgeld, 3 Scheffel Gerste und 8 Scheffel Hafer als Morgenkorn. Dazu kamen 5 Groschen für den Halbspänner (2 Pferde), 3 Groschen für Leibdienste. Einer musste den Mist aus dem Viehhof fahren.

 

Über das frühere Schicksal der Hagenhöfe, die als solche erst im 13. Jhdt., sicherlich aber erst unter den Ravensbergern entstanden, ist folgendes bekannt:

 

Habicht      1294    erwähnt Winandus et Johannes, fratres dicti Hadewich (BUB 75)

1337                                            mansum Hadewigis super Santhagen (BUB 196).

 

Brand                    1338    liefert von da an das Morgenkorn

 

Ellerbrock  1321    Haus Ellerbrock wird versetzt vom Grafen von Ravensberg (aus Familienbuch des Geschlechts von Vincke auf Ostenfelde bei Melle).

1338          liefert Ellerbrock das Morgenkorn.

 

Kükenshove          1421    Elebracht de Kuckenhouver als Zeuge (BUB 650)

1437          Gerd Kuken legt einen Weg durchs Bruch von Ellerbrock (BUB 721).

1502 Graf Wilhelm erteilt dem Bürgermeister Wilhelm von Greste aus Bielefeld die Genehmigung zum Kauf des Kükenhoves (BUB 1247).

1517 bis 1817 ist der Hof stadteigen mit Ziegelhaus und Ziegelofen (BUB 1402).

 

Goldener    1472    ist im Verzeichnis der zum Sparrenberg gehörenden Personen ein Knecht erwähnt, der dem Goldener das Morgenkorn soll verwahren helfen (BUB 937). Dieser erwähnte Golner ist identisch mit dem Hermann Golner, der 1490 als der verstorbene Verwalter des Morgenkorns aufgeführt wird (BUB 1087).

 

Loickhus    1221    erwähnt als Tauschobjekt (BUB 7).

 

Cardinal     1346    Abgabe des mansum Paffen in der Haushaltungsrechnung der Gräfin Margarete (BUB 244).

 

Der Hof Intrup ist der älteste. Wir müssen das daraus schließen, daß im Urbar der Besitzer dieses Hofes nicht als Häger erwähnt ist. Zudem sitzt er auf dem besten Boden im Tal in Fortsetzung der unten zu besprechenden landesherrlichen Länderei. Außerdem hat dieser Hof eine Abgabe an die Kirche zu Delbrück im Paderbornschen zu entrichten! Ein Hof, der in den Urkunden erwähnt wird (BUB 196), der Northof, ist nicht mehr zu identifizieren. Es ist auch kein Beweis vorhanden dafür, daß er in Sandhagen gelegen hat. Nottebrock identifiziert ihn neuerdings mit dem Kükenshove, bleibt aber den Beweis dafür schuldig.

 

Die übrigen Höfe sind Hagenhöfe, d. h. unter landesherrlicher Initiative gegründet, nicht zuletzt aus der Absicht, die Abwanderung der Bauernsöhne und damit der Arbeitskräfte in die deutsche Ostsiedlung zu verhindern, und auch aus dem Zwange, die Einkünfte aus dem Lande zu erhöhen, um mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Nachbarländer Schritt halten zu können. Im Jahre 1550 waren noch 85 °/o der Ravensberger Bauern eigenbehörig, davon 430/0 dem Landesherrn wie auch die Sandhager Bauern mit Ausnahme des Kükenshöner. Dieser gehörte also wie Intrup auch nicht zu den Hagenbauern. Von den Hagenhöfen haben Hadewech und Loickhus je 106 Scheffelsaat Saatland. Weil dieses Maß doppelt vorkommt, scheint es die erstrebenswerte Größe der Höfe gewesen zu sein. Doch ließ sich dies des Berglandes wegen nicht für alle Höfe erreichen. (Siehe Tabelle S. 21.) So ist nur Ellerbroich größer, da er an der weitesten Stelle des Tales liegt. Die andern Höfe sind kleiner. Im Urbar steht bei den beiden kleinsten Höfen vermerkt: Cardinal, „nur ein Kotter gerechnet", „quia pauper" (weil arm); Peper, „wie ein Kotter gebruicht". Die anderen Häger waren Halbspänner, zu denen auch Intrup rechnete. Zu jeder Stätte gehörte Mastholz, in das eine bestimmte im Urbar angegebene Anzahl von Schweinen getrieben werden durfte. Zur Weide wurde das Vieh in die Senne getrieben außer von Ellerbroich, der in Ellerbroichs Heide treiben durfte, von Loickhus, der am Galgen Drifft besaß, von Brand, der in der Greven Egge weiden lassen konnte.

 

Die Angaben des Urbar sind für den zu den Höfen gehörigen Wald nicht vollständig. So musste durch Vergleich mit späteren Angaben, vor allem durch Vergleich mit dem Prätastationsregister von 1721 der Waldanteil geschätzt werden. Vor allem bezieht sich das auch auf die Anteile an Unland wie Heide und Gestrüpp. Rechnen wir diese Anteile auch schon für 1550 als zu den Höfen gehörig, da sie ja auch später in Privateigentum der Höfe übergehen, so bleibt außer den Waldungen des Landesherrn kein Wald als Gemeinbesitz, keine Gemeinheit übrig. Daher können in Sandhagen später niemals Markkötter auftreten. Man kann sagen, daß die Hagensiedlung schon eine Vorwegnahme der Markensiedlung ist, die in anderen Gemeinden erst viel später begann.

Bei der planmäßigen Gründung von Sandhagen ist von vornherein eine ausgesprochene Hagenhufenflur zu erwarten, also etwa Aufreihung der Höfe längs des Bachtales, Anordnung der Ackerflur hinter diesen Höfen, wobei dann nach dem Berge zu der Waldanteil folgt. Aber es musste oben schon auf die verschiedene Größe der einzelnen Hufen hingewiesen werden. Das Relief verbot die gleichmäßige Landzuteilung. Das Gelände ist außerdem durch Sieke stark zerschnitten. Zwischen ihnen liegen am Bergfuß einzelne flache oder schwach geneigte Platten, die gegebenen Ansatzpunkte für die Höfe. Und diese Platten sind von ganz verschiedener Größe. Dann boten sich die größeren Sieke an als natürliche und gegebene Grenzen zwischen den einzelnen Höfen. So werden die Grenzen der Höfe unregelmäßig, aber auch die Grenzen der einzelnen Felder, die oft durch kleinere Sieke gebildet werden, in denen wegen der Steilheit der Hänge und der Wasserfluten zu manchen Jahreszeiten der Wald stehen geblieben ist.

 

Andererseits ist zu erkennen, daß die Hauptzahl der Höfe in einer Linie angeordnet ist von Loickhus bis Hadewech. Diese Linie setzte sogar noch in den beiden Hagenhöfen von Hoke und Strunk nach SO fort, die aber nicht zur Bauerschaft Sandhagen gehörten. Nur Brand und Hinnendahl liegen abseits dieser doch charakteristischen Linie. So kann man zusammenfassend von einer verkümmerten Hagenhufenflur sprechen.

 

Es ist aber wesentlich zu beachten, daß die Hagengemeinschaft vor allem auch eine Rechtsgemeinschaft war. Es wurden oben schon zwei Häger in der Nachbarbauerschaft erwähnt, die zu der Sandhager Hagengemeinschaft gehörten. Aber es gehörten ferner noch dazu der Luttermüller in Brackwede, Hagemann und Speckmann in Oldentrup und Jochem zur Hove in Brönninghausen. Es ,sind also bei einem Hagen immer beide Seiten zu betrachten: die Siedlungsgemeinschaft und die Rechtsgemeinschaft, die nicht immer zusammenzufallen brauchen.

 

Neben diesen Höfen war der Landesherr der eigentliche Großgrundbesitzer in Sandhagen. Hier lag an der Grenze zur Stadt hin, doch außerhalb dieser, die Sparrenburg. Sie war der Sitz der Drosten. Hier wohnte auch der Rentmeister, der die Domänenverwaltung der Burgländereien in seinen Händen hatte. Die Burg ist erstmalig 1256 erwähnt (BUB 22). Doch hat der Bau wohl zehn Jahre vorher begonnen. 1540-1580 erfolgte der Umbau und die Vergrößerung auf die heutige Gestalt mit den großen Rondellen an den vier Ecken. Daher ist auf der Karte der Umriss der alten Burg ausgezogen, die heutige Gestalt nur punktiert angedeutet. Das Domänengut erstreckte sich über den Rücken des Sparrenbergs, umfasste das untere Kantensiektal mit der Försterei im heutigen Freudental. Bei der Burg lag an der Stelle des heutigen Bethelhauses Bethanien der Viehhof (Staatsarchiv Münster, Kriegs- u. Domänenkammer Minden IX Nr. 216), umgeben von einem Wassergraben. Der Zugang zum Kantensiektal war durch Wallhecken verengt, die weiter über den Rücken des Altenbergs (heute Zionsberg) zogen und in dem Flurnamen Landwehr noch heute belegt sind (s. u.). Im heutigen Betheltal lag dann noch der Santhove, eine curia (Meierhof) des Landesherrn, der schon 1328 erwähnt ist (BUB 165) und dessen Name als Flurname in einer Parzelle zwischen Mara und Carmel erhalten ist. Das Kataster von 1825 bezeichnet die Stätte, die damals an Stelle von Mara bestand, als Landhof. M. E. ist das ein Hörfehler und daher dieser Hof von 1825 anzunehmen als der Nachfolger des Sandhoves. Am Ende der Burgländereien lag noch ein Kotten, heute Haus Klee, Karl-Siebold-Weg 15 im Vogeldorf. Alle anderen Häuser dieser Siedlung tragen Vogelnamen. So scheint diese Ausnahme in der Namengebung auf dass höhere Alter dieses Gebäudes hinzuweisen. Damit lag der größte und wichtigste zur Burg gehörige Landwirtschaftsbetrieb auf der Südseite des Altenbergs und damit nicht nur in klimatisch günstigster Lage innerhalb der Bauerschaft, sondern auch auf deren bestem Boden, dem Röt (s. o.). Das der Burg näher gelegene Kantensiek war landwirtschaftlich viel ungünstiger.

 

Dem Landesherrn gehörten weiter die großen Forsten, voran das Holschebruch, das von der Bethelecke (Passstraße) bis Gölner (Quellenhof), vom Sandhof (Bethelweg) bis zum Eggetal reichte und etwa 150 Morgen Eichen- und Buchenwald umfasste. Außerdem lagen Forste im Kantensiektal, auf den Rücken von Sparrenberg und Altenberg. Dazu unterstanden der Domänenverwaltung die 20 Morgen des Lutterbusches (Alte Forst), der Füchtenbusch und 140 Morgen Wald am Lothberg.

 

Über den Zustand der Waldungen in der damaligen Zeit gibt die Teilungsurkunde von 1518 (BUB 1426) Auskunft. Damals erhielt Brackwede den Wald bis zur Nordwelle, d. h. bis zu einer Linie, die beginnt Ecke Waldstraße-Bodelschwinghstraße, diese aufwärts, dann nach Osten abbiegend zum „Grünen Walde", während Bielefeld den größten Teil bei dieser Auseinandersetzung bekam, nämlich den Wald in allen Bergen zwischen der Lutter und der heutigen Bodelschwinghstraße einerseits und von den Brackweder Feldern bis zur Grenze des Kükenhoves und Ellerbrockhofes, also das heutige Eggetal eingeschlossen.*) *) In der Karte I schneidet die Grenze des Bielefelder Stadtwaldes fälschlicherweise in das Gebiet von Ellerbrocks Hof hinein. Sie geht richtig nur bis zur Grenze dieses Hofes.

 

Die erwähnte Teilungsurkunde zeigt eine allgemeine Not dieser Zeit, die Waldverwüstung durch Hude und gemeinen (d. h. gemeinschaftlichen) Gebrauch: „Durch gemeyne bruchungen geholze und syke dlengde ganz verwustet und verderplich sin worden." Auch ist in den Waldungen wild gerodet worden, doch sollen die Brackweder das behalten, was sie innerhalb der Grenzen der anderen Partner dieser Teilung „in sadungen under irem pluge haben, und doch nit witer, dan itzt geschen ist, roden und zu acker machen". Das Interessante ist, daß hier schon so früh eine Teilung des Waldes erfolgte, zweihundert Jahre vor der sonst üblichen Zeit. (Vergl. Münzberg in 55. Jahr.-Ber. Hist. Ver. Rav. und Engel in Festschr. zur 800-Jahrf. v. Brackwede.)

 

An der Lutter lagen damals zwei Mühlen, die Grestenmühle dicht vor der Stadtmauer am Nevelstor und die Grotendieksmühle am Großen Teich oder Mühlenteich weiter oberhalb. Die Grestenmühle hat ihren Namen von dem Bielefelder Bürgermeister Greste, der sie 1510 von Johannes Molner kaufte, da sie gänzlich ruiniert war, um sie wiederaufzubauen (BUB 1313). Uns ist sie noch bekannt als Büschers Mühle, die ein Opfer des Bombenkrieges wurde, und deren Reste jetzt durch die Neuanlage der Kreuzstraße gänzlich verschwinden. Im Mühlendamm an der Gütersloher Straße ist der alte Damm des Großen Teiches noch erhalten, der also hinter der Kreuzapotheke lag. Die Reste von Grotendieks-, später Wiegands Mühle, einer landesherrlichen Mühle, sind noch in einigen Gebäuden hinter der zerbombten Badeanstalt am Mühlendamm erhalten. Diese Mühle wurde zuerst 1316 als Pfandobjekt erwähnt (Mühle in der Freudenau) (BUB 115).

 

Bleichen sind in den Bielefelder Urkunden erst seit 1559 erwähnt. Doch liegen sie damals noch innerhalb der Neustadt, die wir uns keineswegs eng bebaut vorstellen dürfen. Zwischen den einzelnen Höfen und Häusern waren Gärten und Wiesen, auf denen oberhalb der alten Dammühle sich die Bleichplätze befanden. Erst 150 Jahre später werden die ersten Bleichen aus der Stadt herausgelegt, zunächst aber vor das Oberntor in Richtung auf Werther zu, darnach erst längs des Lutterbaches in Richtung auf den Gadderbaum.

 

Von der Stadt her schiebt sich bis zum Großen Teich ein Gebiet von städtischen Ackern und Gärten vor, die urkundlich vielfach erwähnt sind, in ihrer Lage aber im Einzelnen nicht belegt werden können. Des weiteren sind Acker der Städter beim Todrangsdike erwähnt (BUB 575 vom Jahre 1405) und zwischen Ellerbrock und dem Weg nach Lauks (BUB 520), ebenso ein Meierhof des Marienstiftes, belegen an dem Loithberge (BUB 594), erstmalig erwähnt 1411. Damit wird ein Gebiet der Bauerschaft Sandhagen als Acker- und Gartenland schon damals als in städtischem Besitz gezeigt, das später Flur 2 der Bielefelder Feldmark wurde und damit den Ausgriff Bielefelds in das Tal von Sandhagen einleitete. Hier liegt also der Beginn einer Entwicklung, die zur Eingemeindung großer Teile Sandhagens nach Bielefeld führte.

 

Doch müssen wir auch schon für 1550 noch weiteren Besitz der Stadt in Sandhagen annehmen, wenn auch Genaueres darüber erst aus späterer Zeit vermeldet wird. Nach „H. Culemann, Bielefelder Markenteilung" im 42. Jb. d. Hist. V. f. d. Grafschaft Rav. berichtet die Stadt Bielefeld im Jahre 1771 an den staatlichen Markenteilungskommissar, daß sie Hude und Weide auf Ellerbrocks Heide und längs der Lutter nach Brackwede hinab besitze, ebenso auf der andern Seite der Lutter längs dem Gericht. Diese Hude und Weide reichte weit in die Senne hinein „nach den Tütern bis an die Trüelstraße und an Wechters Feld«. Zumindest für den Sandhagener Teil ist durch den 1771 einsetzenden Verkauf dieser Ländereien durch die Stadt erwiesen, daß aus Hudegereditigkeiten im Laufe der Entwicklung längst Landbesitz geworden war.

 

Der erste Wirt des Jägerkruges, des heutigen Gadderbaumer Kruges, ist zwar erst 1713 beurkundet. Doch ist anzunehmen, daß der Krug viel älter ist. An der Lippstädter Heerstraße, die durch den Bielefelder Pass führte, ist die Stätte zu suchen, wo der Zoll erhoben wurde, der schon 1325 und später 1517 genannt wird (BUB 153 und 1408). Der Zollbaum muss da gelegen haben, wo nach der Vereinigung der Lippstädter und Marienfelder und Haller Straße e i n e große Straße den gesamten Verkehr von Wehsten her nach Bielefeld führte. Hinzu kommt, daß hinter dieser Straßenkreuzung auf Bielefeld zu Bohnenbach und Kantensiekbach die Straße kreuzen und damit beiderseits der Straße sumpfiges und schwer passierbares Gelände schaffen, das nur auf der festen Straße durchschritten werden kann. Es lässt sich nicht mehr entscheiden, ob der Baum zwischen Bohnenbach und Kantensiekbach gelegen hat, oder erst hinter dem Kantensiekbach nach der Stadt zu. Für letzteres spricht, daß später hier das Haus des Baumhöners bezeugt ist. Der Krug muss v o r dem Zoll gelegen haben. Denn er hatte nur Sinn für die, die auf die Abfertigung am Zoll warten mussten oder bei später Ankunft den Baum gar geschlossen fanden.

 

Als letzte Siedlung haben wir dann noch die Kapelle auf dem Jostberg zu nennen. 1483 gestattet der Bischof von Paderborn (BUB 998), daß anstelle des bisherigen Pilgerhäuschens auf dem Loyckhuser(Jost-)Berg eine Kapelle errichtet wird. Doch traten schon 1496 Schwierigkeiten auf, da bei 200 m Höhe die Siedlung der nasskalten Witterung ausgesetzt und weit vom Wasser entfernt lag. Trotzdem wurden Franziskaner erbeten und entsandt, die Kapelle zu einem kleinen Kloster erweitert. 1501 traf die päpstliche Genehmigung ein (BUB 1237). Schon wenige Jahre später aber wird 1507 durch den Papst die Verlegung des Klosters nach Bielefeld genehmigt (BUB 1289). 1508 ist die Rede von zwei Provisoren, die den Dienst in der Kapelle auf dem Jostberg aufrechterhalten sollen (BUB 1297). Wie lange dieser Dienst auf rauher Bergeshöhe noch versehen wurde, ist nicht bekannt. Doch ist das wohl noch für 1550 anzunehmen.

 

Im Urbar ist bei dem Häger Lochhusen ein Flurname „Auf den drey Stücken" genannt, wobei dann vermerkt ist: Bey dem Galgen. Wir haben also den Galgen da zu suchen, wo über dem Steilhang an der Steinhager Straße auf Sandhager Boden beim Bau einer Flakstellung im letzten Kriege menschliche Knochen gefunden wurden, eine weithin sichtbare Stätte, die also damals mahnend das Zeichen des landesherrlichen Blutbannes trug. (Letzte Hinrichtungen 1778 und 1782.)

 

In einer Karte von 1550 sind dann noch die Landwehren einzuzeichnen, die zum Schutze der Feldmark gegen Feinde dienten und nur an wenigen Durchlässen passierbar waren, den sogen. slynkbäumen, von woher heute viele dieser Stellen den Namen „Schlingen" tragen. Die Landwehren bestanden aus dicht verflochtenen Hecken, meist aus Hainbuchen, die z. T. auf Wällen saßen. In Sandhagen zeigen dies heute noch Doppelwälle und Gräben. Ober den Verlauf der Wehren geben uns die Reste solcher Wälle, die Reste von alten Hainbuchenhecken und die alten Flurnamen der Landwehr Anhaltspunkte. So zieht eine Landwehr als Abschluss des Burggeländes zum Eingang des Kantensieks, weiter über den Altenberg bis hinter Brands Busch, von wo sie noch deutlich sichtbar durch den Wald nach NO verläuft. Die Landwehr um die Bielefelder Feldmark vom Sieker Tor an begrenzt das Burggelände nach Norden. Eine zweite Wehr zieht vom Jostberg um den Laukshof hinüber zum Botanischen Garten. Ihr Ende ist der Wall zwischen Johannisfriedhof und Jüdischem Friedhof. Weitere Wehren lassen sich nicht belegen, bzw. sind sie nur Grenzen zwischen den einzelnen Höfen. Sie werden i. a. Hegeden genannt, z. B. wiederkehrend in dem Gadderbaumer Flurnamen „die Höchte" (heute Deckertstraße).

 

Damit ist das Siedlungsbild der Bauerschaft Sandhagen um 1550 gezeichnet: Eine nach Hagenrecht gegründete Siedlung, die im Bergland gelegen die Regelmäßigkeit in der Anlage nur verkümmert zeigen kann. Zudem bekommt dieses Bild weitere eigenartige Züge, da der Landesherr mit seiner Burg und der dazugehörigen Ökonomie, vor allem aber durch seinen großen Waldbesitz (etwa 900 Morgen) als Grundbesitzer auftritt, womit die Siedlung schon damals nicht über eine gemeine Mark verfügt. Der Einfluss der nahen Stadt Bielefeld zeigt sich in dem Ausgriff ihrer Ackerbürger auf das Gelände im Pass und nördlich davon, auch darin, daß der Kükenshove im Besitz der Stadt ist. Der Verkehr auf der wichtigen Heer- und Passstraße lässt Zollbaum und Krug entstehen. Rings ums Eggetal erwirbt Bielefeld die Wälder gegen die Brackwedischen Berge. Zwei Mühlen und viele Fischteiche, eine Kapelle am Bergpaß nach Halle runden das Bild der Siedlung ab. Alles in allem mögen damals 100-120 Einwohner gezählt worden sein, ohne die Burgbesatzung und die Leute der landesherrlichen (Ökonomie und Verwaltung, die zusammen 2-300 Leute ausmachten. Bei einer Größe der Bauerschaft von rund 2600 Morgen besaßen die Höfe einen Anteil von 440/0, die Stadt und die Städter 160/0, der Landesherr 40 o/o• 43 0/o des Hoflandes waren Wald und Heide, ebenso 500/0 des städt. Besitzes, 85 0/o des landesherrlichen Besitzes. Damit nahmen Wald und Heide 610/o des Bodens ein.

 



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